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Industrie 4.0 in der deutschen Textilindustrie

6 Minuten Lesezeit

Industrie 4.0 bedeutet eine vollumfängliche Digitalisierung und Vernetzung der Wertschöpfungskette. Die technologischen Fortschritte haben längst einen Wandel in Gang gesetzt, der sich in allen Bereichen des Lebens bemerkbar macht. Es ist eine Revolution auf allen gesellschaftlichen Ebenen und stellt eine gleichzeitige Herausforderung dar: auch die Textilindustrie wird mit grundlegenden Veränderungen konfrontiert und muss dementsprechend reagieren. Vor allem in Bezug auf Produkte und Dienstleistungen und wie diese zukünftig produziert und umgesetzt werden, stehen wir mitten im Umbruch.

Die Verbindung von Informationstechnologie mit Fertigungsprozessen der Produktionstechnologie, ermöglicht es beispielsweise mit einer dezentralen Steuerung und deutlich mehr Flexibilität innovative Produkte zu schaffen. Auch neue Geschäftsmodelle werden dadurch ermöglicht und Optimierungspotenziale in Produktion und Logistik gewonnen. Darüber hinaus können in Echtzeit große Datenmengen analysiert und für weitere Produktions- und Betriebsabläufe genutzt werden. Für die Unternehmen der Textilindustrie sind das bedeutende Chancen, die es zu nutzen gilt.

Industrie 4.0 und die Textilindustrie

Die historische Rolle der Textilindustrie als Leitindustrie macht es umso wichtiger, diesen Umbruch nicht zu verpassen. Die Gestaltung der Textilindustrie 4.0 ist ein revolutionärer Prozess, der ganz neue Produkte und Dienstleistungen hervorbringen wird.

Mit der Industrie verändert sich auch die Arbeit, und es liegt nun an den Unternehmen, sich auf den Weg zu machen, ein aktiver Teil der Digitalisierung zu werden. Flexibilität ist von Arbeitgebern und Arbeitnehmern erwünscht, kann allerdings nicht immer konfliktfrei erreicht werden.

Bodo Th. Bölzle, Präsident von Südwesttextil und Vizepräsident vom Gesamtverband textil+mode, zeigt sich zuversichtlich: „Von der Industrie 1.0, die übrigens ihren Ursprung in der Textilindustrie hat, bis heute zur Industrie 4.0, haben wir alle Umbrüche als Chance angenommen.“

71 Prozent der deutschen Beschäftigten gehen laut der Bundeszentrale für Politische Bildung heute an ihrem Arbeitsplatz mit hoher Komplexität und vielen Unwägbarkeiten erfolgreich um und bewältigen den vielfältigen Wandel. Ihr Fach- und Erfahrungswissen wappnet sie für die „Arbeit 4.0“ der Industrie 4.0. Die Ressourcen sind also da, es gilt sie nun auch zu nutzen.

Industrie 4.0 und Arbeit 4.0

Der technische Fortschritt der Industrie 4.0 wird Arbeitsplätze verändern und manche überflüssig machen. Daraus ergeben sich sowohl Risiken als auch Chancen. Dabei ist es wichtig zu verstehen, dass es nicht um das Ersetzen von Menschen geht, sondern vielmehr darum, die Stärken von Mensch und Technik optimal zu nutzen, um mehr Effizienz und Produktivität zu erlangen. Die Wertschätzung des Mitarbeiters dient als Dreh- und Angelpunkt.

Die Textilindustrie zeichnet sich perspektivisch durch ein modernes Wertschöpfungsnetzwerk zur Herstellung von technischen Textilien, Vliesstoffen und Composites aus. Grundlage hierfür bilden innovative Produkte, moderne Organisationsformen und effiziente Produktionstechnologien.

Auch das vom Sächsischen Textilforschungsinstitut Chemnitz (STFI) ins Leben gerufene „futureTEX“ (http://www.stfi.de/futuretex) nimmt Fahrt auf. Es ist ein interdisziplinäres Kompetenznetzwerk, welches aus Industrie- und Forschungspartnern besteht. Ziel ist es, die Transformation der Traditionsbranche Textilwirtschaft ins Zeitalter der Digitalisierung zu unterstützen. „Bis 2021 arbeiten wissenschaftliche Einrichtungen, Unternehmen und Verbände an der Entwicklung wesentlicher Bausteine eines Zukunftsmodells für Traditionsbranchen“, erläutert der Projektleiter Dirk Zschenderlein.

Neue Forderungen der Mitarbeiter

Die Digitalisierung allein ist nicht verantwortlich für die Veränderungsprozesse, die wir derzeit in der Arbeitswelt sehen. Die industrielle Produktion ermöglicht schon seit vielen Jahren einen hohen Automatisierungsgrad in Deutschland. Hinzu kommt außerdem die digitale Vernetzung.

Neu sind die Forderungen, die an Unternehmen und Organisationen gestellt werden: Eine gewisse Arbeitskultur zum Beispiel, die die Potenziale der Einzelnen und der Teams im Sinne der Zukunftsfähigkeit des Unternehmens fördert. Dadurch ist es der Organisation möglich, schnell, innovativ und auch mit Freude auf Veränderung zu reagieren.

In unserer modernen Welt, die von Unbeständigkeit, Ungewissheit und Komplexität geprägt ist, werden mehr Authentizität und eine Vertrauenskultur in Unternehmen gewünscht. Auch eine gemeinsame Vision, die greifbar ist und auf dessen Basis konkrete Ziele abgeleitet werden können, wird gefordert. Es wird immer wichtiger, ein klares Rollenverständnis zu kommunizieren, das in Feedbackschleifen permanent geschärft wird.

Aktuelle Forderungen der Konsumenten

Der Konsument fordert immer mehr individuelle, maßgeschneiderte Angebote und flexible Lösungen, wie bereits in anderen Branchen zu erkennen ist, zum Beispiel anhand der Carsharing-Modelle oder der stetig wachsenden Gestaltungs- bzw. Konfigurationsmöglichkeiten bei Autoherstellern.

Wenn die Umwandlung nicht verschlafen werden soll, bedarf es also einer Neubesinnung: Es werden  neue Produktionsabläufe und neue Geschäftsfelder benötigt, um den neuen Anforderungen der Kunden gerecht zu werden. Es gibt bereits Vorreiter bei einigen Modeherstellern und deren Erfolg beweist, dass es durchaus sinnvoll ist, sich zukünftig an Innovationsstrategien zu orientieren.

Grafik: STFI

Prof. Meike Tilebein, Leiterin Management Research bei den Deutschen Instituten für Textil- und Faserforschung in Denkendorf, hat als Managementdienstleisterin die rentable Produktion kundenorientierter Produkte im Blick. In aktuellen Forschungsprojekten gilt es, die „Intelligenz in die Maschine zu bringen“ und die sich ständig ändernden Produktionsprozesse zu modellieren. Prof. Tilebein erklärt, „die daran beteiligten Menschen in die komplexen und flexiblen neuen Prozessen digital und flexibel zu unterstützen“ sei mitentscheidend für den Erfolg von Industrie 4.0. Die zukunftsorientierten Stichworte sind tragbare Endgeräte, textilunterstützte Sensorik und augmented reality.

Es gilt also, bewusst neue Wege zu schaffen. Das gesamte Forschungs- und Versuchsfeld der Textilindustrie schafft diesbezüglich technologische Innovationen und moderne Organisationsformen, die wiederum praxisnahe und branchenspezifische Lösungen ermöglichen. Die Schwerpunktthemen dabei sind digital manufacturing, selbstorganisierende und selbstoptimierende Fertigungssysteme, Mensch-Maschine-Interaktion, Intelligente Instandhaltung und integrierte Wertschöpfungsketten.

Ein Lösungsansatz für Industrie 4.0

Ein konkreter Lösungsansatz ist, dass die Fertigung kundenindividueller Produkte in kleinen Stückzahlen möglich gemacht wird. Voraussetzung hierfür ist eine optimale vertikale und horizontale Interoperabilität.

Dieses Beispiel zeigt, dass Industrie 4.0 in allen Bereichen eines Unternehmens ein Umdenken fordert. Ein Umdenken, welches stark belohnt wird. Zufriedenere Mitarbeiter gehen Hand in Hand mit besserer Leistung sowie mehr Umsatz und Zeitersparnisse. All dies sind direkte Konsequenzen eines erfolgreichen Wandels, der bewusst mitgestaltet wird.

Unternehmer und Vorgesetzte müssen offen für neue Gespräche und neue Möglichkeiten sein, welche die neuen Technologien anstoßen. Sonst können sie in Zukunft nicht mit der Konkurrenz mithalten. Mitarbeiter müssen ebenso bereit sein, umzudenken, flexibel zu sein, und sich mit den neuen Technologien zu befassen.

Darwins „Survival Of The Fittest“

Veränderungen bringen auch neue Herausforderungen mit sich – aber wenn sie als Chance genutzt werden, können neue Ziele verfolgt und erreicht werden.

Fazit: Weder Industrie 4.0 noch Arbeit 4.0 sind gehypte Trends, die wieder vergehen werden, sondern eine Realität, die bleibt und sich weiterentwickeln wird. Unternehmer, Führungskräfte und Personalverantwortliche müssen den derzeitigen Umbruch nicht nur zur Kenntnis nehmen, sondern auch aktiv werden.

Titelfoto: pixabay.com / nebulosagrafica

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